Kurze Wappengeschichte der Familie Herlin, Herlyn, Heerlijn

Zum Ursprung des Wappens

Der genaue Ursprung und die erstmalige Verwendung unseres Wappens ist bisher nicht bekannt. Unsere ersten Vorfahren, Simon Herlin, dessen Sohn Jean und sein Enkel Michel waren Handwerker in Arras. Die beiden Erstgenannten führten wahrscheinlich noch kein Wappen. Durch den Weinhandel wurde vorgenannter Michel Herlin (1455 - 1539) sehr wohlhabend. Er kaufte mehrere Häuser in Arras sowie das bei Arras gelegene Schloss Jenlain. Dazu erwarb er noch diverse größere Ländereien. Michel und später auch sein Sohn Jehan 'der Älteste' Herlin (1482 - 1559) waren neben ihrer Tätigkeit als Weinhändler über viele Jahre auch Ratsherren für Weinangelegenheiten in Arras. Jehan 'der Älteste' Herlin (1482 - 1559) vermehrte den Familienbesitz noch weiter. Er erwarb u. a. das Schloss Hautecloque bei Arras.

Der Wohlstand der Familie machte diese offenbar so attraktiv, das sich vorgenannter Jehan in drei Ehen jeweils mit Frauen adeligen Standes verheiraten konnte. Auch einige Töchter der Familie Herlin heirateten später in adelige Familien ein. Bei deren Verheiratung wurde als Herkunftsbezeichnung (Geburtsname) jetzt 'de Herlin' angegeben. Damit sollte offenbar eine Ebenbürtigkeit zum Adelsstand bekundet werden. In dieser Zeit kamen die Herlins also erstmalig mit wappenführenden Familien in verwandtschaftlichen Kontakt. Diese Kontakte forcierten mit Sicherheit den Wunsch nach einem eigenen Familienwappen.

Die zuvor erwähnten reichen Weinhändler Michel und Jehan Herlin werden zwecks Beglaubigung ihrer Geschäfte bereits ein Siegel verwendet haben. Dieses Siegel hat möglicherweise schon ein wappenähnliches Bildnis mit einem Bezug zur Heimatstadt Arras getragen. Aus diesem Siegel werden die Herlins dann das erste uns bekannte Familienwappen entwickelt haben.

Dieses erste Wappen ist u. a. auch in dem großen Standardwerk von Jean Baptiste Rietstap, das 1884 erschienen ist und 116 000 Wappen umfasst, auf Seite 935 beschrieben (Abb. 1).

Dort heißt es: "De gueules, à la fasce d'or, acc. en chef d'un lion naissant du même, mouv. de la fasce". In deutscher Übersetzung: "Auf rot ein goldener Balken, im Wappenhaupt ein aufgerichteter ebensolcher (sprich goldener) Löwe, der sich aus dem Balken erhebt".

Anmerkung zur Übersetzung:

  • gueules ist die französische Bezeichnung für die Wappenfarbe rot
  • fasce ist die französische Bezeichnung für den waagerechten Wappenbalken
  • chef ist die französische Bezeichnung für das Wappenhaupt (oberer Teil des Wappenschildes, heraldisch korrekt: oberes Drittel)
Abb 1.: Wappen der Familie Herlin ab ca. anno 1480 in
den Burgundischen bzw.Spanischen Niederlanden (heute Nordfrankreich)

 

Bei genauer Analyse der Wappenbeschreibung und bei Betrachtung des Wappenbildes selbst, erkennt man, dass das erste Familienwappen auf dem Wappen der Heimatstadt Arras basiert. Das Arras-Wappen zeigt auf rotem Schild einen aufsteigenden goldenen Löwen mit blauen Krallen (Bewehrung) und blauer Zunge. Für das Familienwappen wurde das städtische Wappen ganz offensichtlich naturgetreu übernommen und zwecks Differenzierung lediglich mit einem goldenen Balken versehen. Die hinteren Extremitäten des Löwen wurden außer Acht gelassen.

Das beschriebene - noch recht schlichte - Familienwappen ist das erste Wappen, dass eindeutig unseren Vorfahren zugeordnet werden kann. Es ist der eigentliche heraldische ‚Kern‘ unseres heutigen Wappens. Aus dem Rietstap-Wappenbuch geht leider nicht hervor, welche Person bzw. welcher Familienzweig das Wappen zuerst geführt hat.

Ohne dass wir den Grund dafür kennen, wurde im Laufe der Zeit die Tingierung ("Farb"gebung) des Wappens umgestaltet. So wurde eines Tages aus dem goldenen ein silberner Löwe. Die Farbe der Krallen und der Zunge des Löwen wurde irgendwann von blau in rot verändert. Diese Änderung ist aus heutiger Sicht besonders bedauerlich (und heraldisch falsch), weil seither Krallen und Zunge im roten Wappenschild nicht mehr erkennbar sind.

Aus ebenfalls unbekanntem Anlass wurde dem Wappen später noch ein zusätzliches Element (Gemeine Figur), nämlich ein sechszackiger goldener Stern, hinzugefügt. Was die Platzierung dieses Sterns angeht, bestand von jeher eine gewisse Unsicherheit. Es gibt Wappenvarianten in denen der Stern über den Pranken des Löwen, davor oder in den Pranken angeordnet ist.

Über die Zeitspanne, in der die genannten Veränderungen verwirklicht wurden, ist leider nichts bekannt. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass sie größtenteils noch vor der Benutzung des Wappen in Deutschland geschahen.

Das Wappen der Barbe Herlin

Barbe Herlin (1510 - 1583) war eine Tochter des zuvor genannten wohlhabenden Weinhändlers Michel 'der Älteste' Herlin aus dessen dritter Ehe mit Jehenne le Watier. Sie war somit eine Halbschwester des ebenfalls bereits zitierten Jehan Herlin.

Barbe war ab ca. anno 1535 mit Allard de Lannoy, einem Abkömmling aus der weitverzweigten Adelsfamilie Lannoy, verheiratet. Barbe wird ihr Wappen spätestens ab dem Zeitpunkt des Eintritts in ihre Ehe geführt haben.

Das Wappen entspricht in seinem Erscheinungsbild weitestgehend dem ersten Wappen der Familie Herlin, allerdings sind in diesem Wappen sowohl Balken als auch Löwe silbern dargestellt. Der Grund für die abweichende Tingierung ist nicht bekannt.

Die Wappendarstellung (Abb. 2) wurde aus "receuil de généalogies, fragments, notes et epitaphes des provinces du Nord (Casimir de Sars de Salmon) übernommen.

Abb. 2: Die Wappen von Al(l)ard de Lannoy (links) und seiner Ehefrau Barbe Herlin (rechts); ab ca. 1535 in Arras

"Überführung" des Familienwappens nach Deutschland

Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine Version der zuvor beschriebenen Wappenvarianten durch Claude Herlin (1545 - 1601) nach Deutschland gelangte. Claude ist seinerzeit als Glaubensverfolgter von Arras über Antwerpen nach Bremen geflüchtet, wo er ca. anno 1586/87 mit seiner Frau und seinen Kindern Aufnahme fand.

Claude war vor seiner Flucht mehrfacher Gutbesitzer in der Nähe der Städte Arras und Lille sowie auf Seeland. Er war ein Sohn des bereits erwähnten reichen Weinhändlers Jehan 'der Älteste' Herlin.

Das Wappen des Jaques (Jacob) Herlin

Einer der Söhne des nach Deutschland geflüchteten Claude, nämlich Jaques (Jacob) Herlin (1582 - 1662) wurde in Bremen ein hochangesehenen Kaufmann. In den Akten der Stadt ist vermerkt, dass er "ein Lacksiegel mit dem Hausmarkenzeichen" benutzt. Hausmarken sind die vereinfachte Darstellung eines Sippenzeichens, in diesem Falle des Familienwappens in seiner einfachen Form.

Im Jahre 1648 wurde Jaques vom Senat und von der Bremischen Kaufmannschaft zum Aeltermann berufen. Jaques hat das Familienwappen, dieser neuen hohen Stellung entsprechend, heraldisch aufgewertet. Sein Wappen zeigt nunmehr über dem Wappenschild auch Helm und Helmzier. Die Helmzier besteht aus zwei roten Büffelhörnern, die durch einen goldenem Balken unterteilt sind. Zwischen den Hörnern ist auf Höhe der Balken der aus dem Wappenschild bekannte goldene Stern eingefügt. Der Helm ist von rotgoldenen Helmdecken umrahmt. (Abb. 3)

Zu dieser Zeit weisen die Herlin'schen Wappendarstellungen nun regelmäßig den Stern auf, der wohl aus ästhetischen Gründen endgültig in die Pranken des Löwen gewandert ist.

Abb. 3 : Das Wappen von Jaques Herlin, Aeltermann in Bremen anno 1648

Das Wappen des Pastors Abraham Herlin

Das nächste uns bekannte Wappen ist auf dem Grabstein des Pastors Abraham Herlyn (1640 - 1704) zu sehen (Abb. 4).

Abraham war der Sohn von Johann 'dem Jüngeren' Herlin und ein Neffe 2. Grades des vorgenannten Jaques (Jacob) Herlin. Er gehörte damit zur 4. Generation der in Deutschland lebenden Herlins. Abraham Herlin wurde etwa anno 1670 Prediger in Visquard als Amtnachfolger seines Onkels 2. Grades, Philipp Herlin.

In Abrahams Wappen sehen wir zum ersten Mal, dass der Löwe aus dem Wappenschild jetzt auch als Helmzier Anwendung findet. Diese 'Verdoppelung' des Wappentieres sollte wohl den Rang des Wappens besonders hervorheben. Der Helm ist hier ebenfalls von aufwendigen Helmdecken umgeben. Erwähnenswert ist, das der sechszackige Stern in dieser Wappendarstellung fehlt, obwohl er in den Vorgängerversionen schon regelmäßig abgebildet ist.

Der eindrucksvolle Grabstein aus dem Jahre 1704 befindet sich im Chorraum der Kirche von Visquard und ist dort zu besichtigen.

Abb. 4 : Das Wappen von Abraham Herlyn auf dem Grabstein 1704

Unser heutiges Wappen

Unser heutiges Wappen (s. Abb. 5) hat sich wohl aus dem Wappen des Abraham Herlin (erstmals Löwe als Helmzier) entwickelt. Es zeigt im unteren Teil ein rotes Wappenschild mit einem goldenen Querbalken, aus dem ein silberner Löwe wächst. Dieser ist – im heraldischen Sinne, d. h. vom Schildträger aus gesehen - rechts gewendet (aus Sicht des Betrachters schaut er nach links) und hält in den Pranken einen sechszackigen goldenen Stern. Über dem Wappenschild befindet sich der Helm, der als Helmzier wiederum den silbernen Löwen mit dem goldenen Stern trägt und von rotgoldenen Helmdecken umgeben ist.

Die vorliegende heraldische Überhöhung (starke Ausschmückung) des Wappens ist typisch für das 17./18. Jahrhundert.

Abb. 5: Das heutige Wappen der Familie Herlyn (anno 2000)

 

Inzwischen ist unser Wappen auf vielerlei Gegenständen, vor allem aber auf Wappen- und Siegelringen dargestellt. Es gibt hübsche alte Ausführungen auf Wetterfahnen, Geschenkfenstern, Petschaften und Grabsteinen. Es tauchen aber immer wieder auch Gestaltungen auf, die sich an die ursprüngliche Form anlehnen, wie sie beispielsweise in Visquard auf dem Grabstein des Pastors Abraham Herlyn zu sehen ist.

Weitere Wappen

Unserer Familie liegen noch weitere Wappendarstellungen bzw. Wappenbeschreibungen vor, die mit dem Namen Herlin (d'Herlin, de Herlin) verknüpft sind.

Bisher konnte - trotz intensiver Nachforschungen - zu keinem dieser Wappen eine genealogische Verbindungslinie gefunden werden. Diese Feststellung gilt auch für sämtliche Wappen, die in der Carpentier'schen Herlin-Genealogie beschrieben werden. Sie trifft ebenfalls auf das Wappen zu, das Carpentier in der Herlin-Genealogie dem Fulco (Folque) de Herlin (1330 - 1383) zuspricht und das weitestgehend unserem heutigen Familienwappen gleicht. Am Vorhandensein dieses sehr frühen Wappens sind insofern Zweifel angebracht, weil die seinerzeitige Existenz der von Carpentier in der Genealogie beschriebenen Personen, auch die des Folque de Herlin, nicht nachgewiesen werden konnte. Es ist zu vermuten, dass Carpentier dieses Wappen "erfunden" hat, um seine Chronik glaubwürdiger zu gestalten. Carpentier wusste bei seiner Beauftragung natürlich um das Vorhandensein des Herlin'schen Wappens und konnte deshalb einem angeblichen Vorfahren leicht ein passendes Wappen zuweisen.

Damit müssen wir die hier angesprochenen Wappen als nicht zu unsere Familie gehörend betrachten. In der vorliegenden Abhandlung wird deswegen nicht näher auf sie eingegangen.

 

Stand: Oktober 2013
Text: Hermann H. Janssen & Dr. rer. pol. Wilmjakob J. Herlyn
Wappenfotos: Folkert J. Herlyn